Das Soziale Armen- und Alterswesen in Müswangen:
Ein Wandel von der Not zur Fürsorge

 

Die soziale Geschichte Müswangens ist geprägt von einem langen Ringen um die Versorgung der Armen, das sich vom kargen, lokalen Armenhaus über einen regionalen Konflikt bis hin zur modernen, interkommunalen Alterspflege entwickelte.

I. Das Lokale Armenwesen (18. bis 20. Jahrhundert)

Die Wurzeln der Armenpflege reichen bis in die Bettelordnung von 1551 zurück, die den Dorfgemeinschaften die Unterstützungspflicht auferlegte. Eine kritische Zuspitzung der sozialen Not entstand ab 1796 durch eine massive Zuwanderung. Die Neuzuzüger wurden durch Einheimische ausgebeutet, was ein explosionsartiges Wachstum des Armenwesens zur Folge hatte.
Der Widerstand der Bürgergemeinde: Die ursprünglich zuständige Ortsbürgergemeinde versuchte lange, ihrer Verantwortung zu entgehen. Um 1804 musste die Luzerner Regierung die Müswanger Bürger zweimal anweisen, Reglemente zu erstellen und Land (Allmendland) für den Armenfonds auszuscheiden. Die Bürger gaben dem Fonds jedoch bis zur Fusion 2009 nicht die besten, dorfnah gelegenen Grundstücke.
Das Armenhaus «Waisenhaus» (ab 1832): 1832 erwarb die Gemeinde ein Haus, das als «Waisenhaus» diente, aber hauptsächlich der Unterbringung armer oder sozial schwacher Familien. Die Schattenseiten dieser Institution sind in einem tragischen Ereignis von 1853 dokumentiert, bei dem die Misshandlung und der Tod eines neunjährigen Waisenkindes belegt wurden. Das Haus, das später die Familie Stutz bewohnte, blieb bis zur Mitte der 1980er-Jahre in Betrieb.

Waisenhaus Nordansicht

 

II. Die Regionale Wende: Von Chlotisberg zur Chrüzmatt

  • Der entscheidende Schritt zur Modernisierung der sozialen Versorgung erfolgte regional, wobei das Armenhaus Chlotisberg (Klotensberg) eine zentrale Rolle in der Vorarbeit spielte:
    Die Verwaltungskommission Klotensberg (1977–1981): Die regionalen Gemeinden im Hitzkirchertal, darunter auch Müswangen, erkannten die Notwendigkeit, die veralteten Armenhäuser durch ein zentrales Alterswohnheim abzulösen. Dieser Prozess begann mit der Verwaltungskommission der 5 Klotensberger Gemeinden (1977–1981).
  • Der Hintergrund Klotensberg: Klotensberg (oder Chlotisberg) stand historisch für ein regionales Armenasyl. Im Zuge der Planung für die neue, zeitgemässe Altersversorgung befasste sich die Kommission mit den komplexen Verhandlungen zum Landerwerb und dem Verkauf der Klotensberg-Liegenschaft.
  • Der Konsolidierungsprozess: Diese Vorarbeit war entscheidend, um die Ressourcen und die Zuständigkeit der Gemeinden zu bündeln und die alten, oft unwürdigen regionalen Anstalten abzulösen. Sie ebnete den Weg zur Gründung des Gemeindeverbands Alterswohnheim Hitzkirchertal.
    Das Alterswohnheim «Chrüzmatt» (ab 1982): Die Bemühungen der Klotensberg-Kommission mündeten in die Gründung des Gemeindeverbands 1982 (mit 13 politischen Gemeinden) und den Bau des Alterswohnheims «Chrüzmatt» in Hitzkirch, das 1985 eingeweiht wurde.

III. Das Ende einer Ära

Mit der Eröffnung der «Chrüzmatt» endete die Epoche der lokalen Armenfürsorge in Müswangen endgültig. Die soziale Verantwortung wanderte vom lokalen Waisenvogt/Armenpfleger zum interkommunalen Gemeindeverband.
Die symbolische Zäsur fand 1985 statt, als die letzte Bewohnerin des Müswanger Armenhauses, Lisi Stutz, aus gesundheitlichen Gründen in die neuerstellte «Chrüzmatt» zog. Das historische Armenhaus-Gebäude von 1832 verlor damit seine letzte soziale Funktion.

Der Gemeindeverband entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten weiter und wandelte die «Chrüzmatt» von einem Altersheim mit Leichtpflege zu einem modernen Kompetenzzentrum für das Alter.Entwicklung Armenwesen Uebersicht