Lehrer Johann Adam Bachmann: Ein Leben zwischen Katheder und Konflikt

Johann Adam Bachmann wurde 1804 in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren. Sein Lebensweg führt von den bescheidenen Verhältnissen im luzernischen Müswangen bis hin zu einem verarmten, aber würdevollen Ende im appenzellischen Exil.

 

Der junge Lehrer und die konservative Enge

Bereits mit 14 Jahren begann Bachmanns Laufbahn im Schuldienst als Stellvertreter. Ab 1821 war er fest als Lehrer in Müswangen tätig – eine Aufgabe, die er über drei Jahrzehnte lang ausführte. Sein Alltag war geprägt von Entbehrungen: Die Entlöhnung war karg (anfänglich 120 Franken pro Jahr), und die Infrastruktur der Schule war so marode, dass er sie später selbst als "Museum" bezeichnete. Besonders prägend war sein langes, aber spannungsreiches Verhältnis zum ultrakonservativen Kaplan Josef Tanner. Trotz ihrer ideologischen Unterschiede – Bachmann neigte dem liberalen Gedankengut zu – pflegten sie zunächst ein gutes Einvernehmen.

 

Zwischen den Fronten: Die Ära des Sonderbunds

Die 1840er Jahre markierten den Wendepunkt in Bachmanns Leben. Während der Kanton Luzern in die Wirren des Sonderbundskriegs schlitterte, geriet Bachmann als bekennender Liberaler in ein feindseliges, konservativ geprägtes Umfeld.

  • Politischer Widerstand: Er bekleidete Ämter als Gemeindeschreiber und Waisenvogt, trat jedoch von diesen Funktionen zurück, vermutlich aufgrund tiefer Differenzen mit der Sonderbund-Politik
  • Berufliche Repression: 1847 wurde er wegen angeblichen "Stursinns" entlassen, eine Strafe, die erst nach dem Sieg der Liberalen 1848 wieder rückgängig gemacht wurde.
  • Kriegswirren: Während des Krieges besetzten eidgenössische Truppen sein Schulzimmer und hinterließen Schäden.

Flucht in die Ostschweiz

Trotz des Sieges der Liberalen auf Bundesebene blieb das soziale Klima in Müswangen für Bachmann vergiftet. Gezeichnet von wirtschaftlicher Not, dem Hass der konservativen Dorfbewohner und persönlichen Schicksalsschlägen – er verlor seine erste Frau und zahlreiche Kinder kurz nach der Geburt – wagte er 1852 den radikalen Schnitt . Er verkaufte sein Haus am Rossweg an die Gemeinde und zog mit seiner zweiten Frau und den noch kleinen Kindern in die Ostschweiz. Es war ein mutiger Schritt weg von der "Heimatgemeinde" in eine ungewisse Zukunft.

 

Das bittere Ende und der letzte Streit

Bachmanns letzte Jahre waren von Armut geprägt. Nachdem er von seinen Söhnen verlassen worden war, nahm ihn seine Tochter Katharina 1882 in Herisau auf. Als er 1885 im Alter von 80 Jahren starb, weigerte sich seine Heimatgemeinde Müswangen beharrlich, für die Bestattungskosten aufzukommen. Selbst im Tod blieb er also eine Reizfigur für die Behörden seiner alten Heimat, die seine Verwandten lieber vor den Zivilrichter verwiesen, als dem einstigen Lehrer die letzte Ehre zu finanzieren:

Der Streit um die Beerdigungskosten nach Johann Adams Tod im Jahr 1885 liest sich wie ein letztes, bitteres Kapitel einer lebenslangen Fehde. Es war ein juristischer Schlagabtausch zwischen dem Schwiegersohn Eduard Stutz und dem Gemeinderat Müswangen, bei dem es um mehr als nur Geld ging.

Der Auslöser: Eine Forderung von 60 Franken

Nachdem Johann Adam Bachmann am 7. April 1885 in Herisau verstorben war, forderte sein Schwiegersohn Eduard Stutz von der Armengemeinde Müswangen insgesamt 60 Franken für die Pflege und die Bestattungskosten. Stutz, selbst ein einfacher Arbeiter, hatte den verarmten und kränklichen Schwiegervater seit 1882 bei sich aufgenommen.

 

Die giftigen Vorwürfe der Gemeinde

Der Gemeinderat Müswangen lehnte die Zahlung kategorisch ab und sparte nicht mit harten Argumenten gegen den Schwiegersohn:

  • Verschwendung: Die Gemeinde bezeichnete die Forderung als völlig übertrieben. Besonders Traueranzeigen und eine „zweispännige Todesfuhr“ (Leichenwagen) wurden als im gegebenen Fall „überflüssig“ abgetan.
  • Unterschlagung von Erbe: Die Gemeinde behauptete, Bachmann habe einen „bedeutenden Hausrat“ im Wert von 400 Franken besessen – darunter ein Bett, ein Harmonium und diverse Möbel. Da Stutz diese Gegenstände an sich genommen habe, ohne ein Inventar zu erstellen, habe er die Erbschaft samt Schulden angetreten und müsse nun selbst zahlen.
  • Rechtliche Vorwürfe: Man unterstellte Stutz „Gesetzesunwissenheit“ und betonte, man habe ihm nie den Auftrag oder die Vollmacht für diese Ausgaben gegeben.
  • Abschiebung der Verantwortung: Müswangen verwies darauf, dass Johann Adams Söhne „gut situierte Leute“ seien, die für die Kosten aufkommen müssten. Da diese aber ausserkantonal lebten, könne die Gemeinde sie nicht belangen und sehe sich selbst erst recht nicht in der Pflicht.

Das Urteil: Ein Sieg für die Bürokratie

Eduard Stutz versuchte sich zu wehren und reichte über einen Agenten Rekurs beim Regierungsrat des Kantons Luzern ein. Er betonte, dass er nur seine „Pflichten der Pietät“ erfüllt habe und auf seinen täglichen Verdienst angewiesen sei. Doch der Regierungsrat stellte sich am 22. Juli 1885 vollumfänglich auf die Seite der Gemeinde Müswangen. Er entschied, dass die Schulden aus der vermeintlichen Erbmasse von 400 Franken zu decken seien und verwies den Schwiegersohn für weitere Ansprüche an den Zivilrichter.

 

Bachmanns Familiengeschichte:


Segen und schweres Schicksale


Die Kinder von Johann Adam Bachmann

Johann Adams Privatleben war von schweren Verlusten gezeichnet. Von seinen insgesamt 14 Kindern (inklusive eines Stiefsohnes) starben viele bereits kurz nach der Geburt.

Aus 1. Ehe mit Clara Anderhub (10 Kinder):

  • Die Überlebenden: Josef (zog nach St. Gallen), Anna-Maria Barbara (verwitwet in Benzenschwil), Jakob und Laurentius (Aufenthalt später unbekannt bzw. abwesend).
  • Die Tragödie: Sechs Söhne starben unmittelbar nach der Geburt, darunter auch Zwillingssöhne im Jahr 1831.

Aus 2. Ehe mit Katharina Huwyler (4 Kinder + 1 Stiefsohn):

  • Stiefsohn: Josef Waltispüel (besuchte 1846/47 die Schule in Müswangen).
  • Die "Ostschweiz-Flüchtlinge": Katharina Ida (heiratete Eduard Stutz in Herisau), Augustin (zog nach Freienstein-Rorbas) und Verena (heiratete in Wollishofen).
  • Verlust: Die jüngste Tochter Maria starb ebenfalls kurz nach der Geburt 1849.

Der tiefe Fall des Bruders Konrad

Während Johann Adam versuchte, die Gemeinde als Lehrer und Beamter zusammenzuhalten, wurde sein jüngster Bruder Konrad zum Sinnbild des sozialen Abstiegs in Müswangen.

  • Der Ruin: Konrad, von Beruf Schreiner, musste am 6. Oktober 1842 den Konkurs ausrufen.
  • Vom Bruder verwaltet: Besonders pikant ist, dass Johann Adam zu dieser Zeit Waisenvogt war und somit indirekt die Aufsicht über die Armenbelange hatte, während sein eigener Bruder ins Armenhaus ziehen musste.
  • Das Armenhaus: Konrad lebte von 1843 bis über 1853 im "Spittel" (Waisenhaus/Armenhaus) von Müswangen.
  • Zeuge von Gewalt: Im Jahr 1853 trat er sogar als Zeuge im Zusammenhang mit der Misshandlung einer gewissen Josepha auf.
  • Letzter Ausweg: Wie sein Bruder Johann Adam und sein Bruder Xaver sah auch Konrad keinen anderen Ausweg, als die Heimat zu verlassen und in die Ostschweiz auszusiedeln.

Die grosse Abwanderung (ca. 1852/53)

Müswangen verlor innerhalb kürzester Zeit fast die gesamte Familie Bachmann. Die Kombination aus der Agrarkrise, dem Bevölkerungswachstum und dem politischen Hass nach dem Sonderbundskrieg führte dazu, dass Johann Adam, Xaver und Konrad fast zeitgleich ihre Koffer packten. Während Bruder Heinrich den Hof in Müswangen weiterführte, suchten die anderen ihr Glück in St. Gallen, Thurgau und Appenzell

 

Person Standort(e) in der Ostschweiz Details / Schicksal
Johann Adam (Lehrer) Herisau (AR)

Er lebte zuletzt verarmt in der Schmidgasse 233 bei seiner Tochter

Xaver (Bruder) St. Margarethen (TG), Wuppenau (TG), Wil (SG)

Kaufte 1857 einen Hof im Thurgau; die Familie zog später nach Wil weiter

Konrad (Bruder) Ostschweiz / Wald (ZH)

Siedelte nach seinem Ruin ebenfalls in die Ostschweiz aus; ein Sohn lebte später in Wald.

Augustin (Sohn) Freienstein-Rorbas (ZH), Frauenfeld (TG)

Ließ sich nahe Winterthur nieder; sein Sohn lebte später in Frauenfeld

Verena (Tochter) Wollishofen (ZH)

Heiratete einen Mann namens Iten und zog an den Zürichsee.